VPD und Klima: Welche Setpoints deinem Club wirklich etwas bringen
In jedem Growroom hängt heute ein Thermo-Hygrometer, und in den meisten steht irgendwo eine VPD-Tabelle an der Wand. Aber wenn morgen ein Mitglied fragt, warum ihr in der Blüte auf 50 % Luftfeuchte fahrt, was sagst du dann? „Steht so im Internet“ ist keine gute Antwort. Schauen wir, was die Forschung wirklich hergibt. VPD, Vapor Pressure Deficit, auf Deutsch das Dampfdruckdefizit, ist zum Lieblingsbegriff der Growszene geworden. Der Wert bündelt Temperatur und relative Luftfeuchte in einer einzigen Zahl und beschreibt, wie stark die Luft der Pflanze Wasser „aus den Blättern zieht“. Praktisch ist das, weil du damit Klima steuern kannst, ohne Temperatur und Feuchte getrennt im Kopf zu jonglieren. Nur: VPD bei Cannabis ist deutlich schlechter erforscht, als die Tabellen an den Growroom-Wänden vermuten lassen. Genau eine direkte Cannabis-Studie steht hinter dem Thema, alles andere ist Übertragung aus besser untersuchten Pflanzen oder Branchenkonsens. Für einen Club, der reproduzierbar und prüfsicher anbauen will, lohnt sich der ehrliche Blick darauf, was belegt ist und was nur gut klingt. Worum es beim VPD überhaupt geht Kurz gesagt: Der VPD beschreibt, wie viel Wasser die Luft der Pflanze noch entziehen kann. Er wird in Kilopascal (kPa) angegeben und steigt, wenn die Luft wärmer oder trockener wird. Die Pflanze öffnet ihre Spaltöffnungen (Stomata), um CO₂ für die Photosynthese aufzunehmen. Dabei verliert sie über dieselben Öffnungen Wasser. Wie viel, hängt am Dampfdruckdefizit: Ist die Luft trocken und warm (hoher VPD), verdunstet viel; ist sie feucht und kühl (niedriger VPD), verdunstet wenig. Beide Extreme kosten Ertrag. Bei zu hohem VPD macht die Pflanze die Stomata zu, um nicht auszutrocknen, und schließt damit auch die CO₂-Aufnahme, was die Photosynthese bremst. Bei zu niedrigem VPD staut sich Feuchte, die Verdunstung als „Motor“ für den Nährstofftransport aus der Wurzel schwächelt, und das Pilzrisiko steigt. Rechnen kannst du VPD selbst, die Formel ist simpel und in jeder Klimasteuerung hinterlegt: Aus der Blatttemperatur (näherungsweise Lufttemperatur) ergibt sich der Sättigungsdampfdruck, davon ziehst du den tatsächlichen Dampfdruck ab, der aus der relativen Luftfeuchte folgt. Das Ergebnis in Kilopascal (kPa) ist der VPD. Wichtig für die Praxis: Weil Temperatur mit eingeht, ist „60 % Luftfeuchte“ bei 22 °C ein ganz anderer VPD als bei 28 °C. Genau deshalb lohnt der Umstieg auf einen VPD-Wert statt auf reine Feuchte-Zielwerte. VPD bei Cannabis: was belegt ist, was übertragen wird Hier kommt der unbequeme Teil. Wer die Cannabis-Literatur systematisch durchgeht (wir haben das in unserem eigenen Setpoint-Review gemacht), findet erstaunlich wenig direkte VPD-Forschung. Die einzige saubere Cannabis-Studie zum VPD stammt von Sheldon et al. (2021): Sie testeten 13 Hanf-Sorten in einer begehbaren Klimakammer gegen vier VPD-Stufen und fanden, dass die Schwelle, ab der die Stomata schließen, sortenabhängig ist. Bei rund 5 von 13 Sorten schließen sie schon deutlich früher. Zwei Haken für uns: Es geht um Faserhanf, nicht um THC-reiche Genetik, und die Studie steckt hinter einer Bezahlschranke. Faserhanf und Medizinalcannabis unterscheiden sich in Blattanatomie und Stomata-Architektur genug, dass man absolute Schwellenwerte nicht eins zu eins übernehmen sollte. Die zweite belastbare Cannabis-Säule ist älter: Chandra et al. (2008) haben Photosynthese-Antwortkurven gegen Temperatur, CO₂ und Licht gemessen. Daraus stammt der oft zitierte Befund, dass die Photosynthese ihr Optimum bei etwa 25 bis 30 °C erreicht und um rund 750 ppm CO₂ in die Sättigung läuft. Das ist keine VPD-Studie, aber es steckt den Temperaturkorridor ab, in dem du dich überhaupt bewegen solltest. Der Rest der VPD-„Weisheit“ ist Übertragung aus besser erforschten C3-Pflanzen: Tomate, Salat, Gurke. Cannabis ist wie diese eine C3-Pflanze, also sind die Mechanismen übertragbar, die absoluten Zahlen aber nicht. Die wichtigsten Bausteine aus der Übertragung von C3-Modellpflanzen: Setpoint-Systematik: Shamshiri et al. (2018) liefern für Tomate evidenzbasierte T-, RH- und VPD-Bereiche pro Wachstumsphase, sauber gestaffelt in „optimal / grenzwertig / kritisch“. Genau so eine Synthese fehlt für Cannabis komplett. Das Raster ist übertragbar, die Werte muss man anpassen. Der Stomata-Mechanismus: Amitrano et al. (2021) zeigten an Salat, dass niedriger VPD zu mehr und kleineren Spaltöffnungen führt und die Nettophotosynthese um rund 18 % steigt. Der Mechanismus gilt artübergreifend für C3-Pflanzen. Die Obergrenze: Zhong et al. (2023) quantifizierten auf Ökosystemebene einen VPD-Schwellenwert (rund 3,5 bis 4,0 hPa), oberhalb dessen die Photosynthese zu kippen beginnt. Zusammen mit Sheldons Hanf-Schwellen ergibt das eine plausible Argumentationsbasis für eine VPD-Obergrenze. Die absolute Zahl aus einer Ökosystemstudie ist aber nicht direkt auf den Growroom übertragbar. Das spannendste offene Feld: Amitrano et al. (2021, zweite Arbeit) fanden an Salat, dass sich unter verschiedenem VPD (0,69 vs. 1,76 kPa) das Profil bioaktiver Inhaltsstoffe verschiebt. Die naheliegende Hypothese, VPD könnte auch Cannabinoid- und Terpenprofile beeinflussen, ist für Cannabis schlicht noch nicht getestet. Praktische Setpoints, mit ehrlichem Evidenz-Label Die folgende Staffelung fasst zusammen, was aus Cannabis-Studien, C3-Übertrag und Branchenkonsens zusammenkommt. Lies die letzte Spalte mit: Sie sagt dir, wie fest der Boden unter jedem Wert ist. „Belegt“ heißt direkte Cannabis-Evidenz, „übertragen“ heißt aus C3-Pflanzen abgeleitet, „Konsens“ heißt Praxiserfahrung ohne saubere Studie. Phase Temperatur Tag rel. Feuchte VPD (Tag) Sicherheit Klone / Bewurzelung 22 bis 25 °C 70 bis 80 % 0,4 bis 0,7 kPa übertragen Vegetativ 24 bis 28 °C 60 bis 70 % 0,8 bis 1,2 kPa teils belegt (T), Rest übertragen Frühblüte 24 bis 26 °C 55 bis 65 % 1,0 bis 1,3 kPa Konsens Spätblüte 22 bis 24 °C 45 bis 55 % 1,2 bis 1,6 kPa Feuchte aus Pilzrisiko, VPD übertragen Ein paar Dinge, die aus den Studien wirklich hervorstechen und die du an ein Mitglied weitergeben kannst: Der Temperaturkorridor ist am besten belegt. Chandra et al. (2008) stützen 25 bis 30 °C für maximale Photosynthese in der Wachstumsphase. Dass viele Grower in der Spätblüte auf 22 bis 24 °C heruntergehen, ist dagegen überwiegend Branchenwissen. Der Gedanke, kühlere Nächte triggerten Farbe und Trichome, ist plausibel, aber nicht sauber per Cannabis-Studie belegt. Die Feuchte-Zielwerte in der Blüte kommen nicht aus der Pflanzenphysiologie, sondern aus dem Pilzrisiko. Das ist der wichtigste Punkt für einen Club. Der oft genannte Wert „unter 60 % relative Feuchte in der Blüte“ leitet sich fast vollständig aus dem Botrytis-Management ab, nicht aus einem Ertragsoptimum. Dazu gleich mehr. Sortenabhängigkeit ist real.
