Mehr Licht, mehr Bluete: was die Forschung wirklich sagt

Lead: Das Equipment-Marketing verspricht Spektrum-Wunder, UV-Booster
und perfekte Photoperioden. Die Studienlage der letzten fuenf Jahre
zeigt ein viel klareres, fast unromantisches Bild: ein Faktor schlaegt
fast alle anderen, und es ist nicht der, ueber den am lautesten
gesprochen wird.


Worum es hier geht

Wer Cannabis indoor anbaut, gibt fuer Licht den groessten Anteil seines
laufenden Energie-Budgets aus. Entsprechend gross ist die Versuchung,
ueber Spektrum-Tweaks, UV-Booster oder neue Photoperioden noch ein
paar Prozent rauszuholen. Wir haben uns zehn Open-Access-Paper aus
den Jahren 2019 bis 2024 angeschaut, fast alle aus den grossen
Plattformen Frontiers, PLOS und HortScience, und gefragt: Was ist
wirklich solide Evidenz, was ist Marketing, und welche Hebel lohnen
fuer einen Anbau in Deutschland?

Was funktioniert: PPFD ist Koenig

Wenn man die zehn Paper auf eine Aussage eindampft, dann diese:
Mehr Licht (innerhalb sinnvoller Grenzen) ergibt mehr Bluete. Die
Beziehung ist erstaunlich linear, und in keiner der Studien wurde
eine Saettigung beobachtet, auch nicht bei sehr hohen Werten.

Rodriguez-Morrison et al. (2021) zeigen das in einer kontrollierten
Indoor-Studie deutlich: Bluetenmasse, Density der apikalen Bluete und
Harvest-Index steigen alle linear mit der PPFD. Bemerkenswert: die
Cannabinoid-Konzentration aendert sich nicht. Wer also THC- oder
CBD-Prozent sucht, faehrt mit hoeherer PPFD nicht besser. Wer
Total-Cannabinoide pro Flaeche sucht, schon, weil mehr Bluete
multiplikativ wirkt.

Llewellyn et al. (2022) setzen noch eins drauf: bei einem Vergleich
hoher vs. niedriger PPFD lag die Gesamt-Biomasse 1.3 bis 1.5x hoeher,
und die Bluete sogar 1.6x. Die Pflanze schickt unter starkem Licht
also nicht nur mehr Material, sondern verteilt es auch staerker auf
die Bluete (Harvest-Index +7 %).

Huber et al. (2021) erinnert daran, dass Licht selten allein
wirkt: Eine Erhoehung des DLI kombiniert mit erhoehter
CO2-Konzentration
brachte 24-33 % mehr Wachstum bei vergleichbarem
Energieeinsatz. Wer also die Stromrechnung im Blick hat, sollte
Licht und CO2 gemeinsam denken.

Take: Wer als Grower einen Hebel maximieren will, ist mit
PPFD bzw. DLI auf der sichersten Seite, vorausgesetzt das
Klimamanagement (Temperatur, VPD, CO2) zieht mit.

Was weniger wichtig ist: das Spektrum

Hier wird’s interessant, und unbequem fuer einen Teil der
LED-Industrie.

Westmoreland et al. (2021) hat in drei aufeinanderfolgenden
Studien die PPFD konstant gehalten und nur den Blau-Anteil von 4 %
(HPS) bis 20 % (verschiedene LED-Mischungen) variiert. Ergebnis:
Mehr Blau senkt den Yield linear um insgesamt 12 %. Auf THC-
oder CBD-Konzentration hatte das Spektrum dagegen keinen Einfluss.

Noch praxisrelevanter: das White+Red-LED-Setup brachte pro Quadrat-
meter 4.6 % weniger als HPS, aber pro investiertem Euro Strom
27 % mehr Yield, weil die Effizienz der LED (µmol pro Joule)
deutlich besser war. Mit anderen Worten: nicht das Spektrum war der
Gewinn, sondern die Lichtausbeute pro Watt.

Bilodeau et al. (2019) und Stamford et al. (2023) sind beides
Reviews mit Grower-Fokus, die das einordnen: Spektrum-Strategien
haben ihren Platz, aber meistens fuer Form und Habitus der
Pflanze, nicht fuer Yield- oder Potency-Sprung. Stamford modelliert
explizit die Stromkosten unterschiedlicher LED-„Recipes“ und gibt
Daumenregeln, ab wann sich was lohnt.

Take: Spektrum-Optimierung ist ein Feinabstimmungs-Werkzeug, kein
Yield-Hebel.
Wer Geld in die Hand nimmt, sollte zuerst auf Fixture-
Effizienz schauen.

Was wahrscheinlich ueberbewertet ist: UV-B

UV-B-Lampen werden seit Jahren als Cannabinoid-Booster verkauft.
Llewellyn et al. (2022) haben das in derselben Studie wie die
PPFD-Frage mitgetestet und fanden eine ernuechternde Antwort.

UV-A+UV-B in den letzten 20 Tagen der Bluete erhoehte zwar in den
Sugar-Leaves (also den kleinen Blaettchen rund um die Bluete) die
THC-Konzentration um etwa 30 %. Das Total-THC pro Gewebe blieb
aber gleich, und in der eigentlichen Bluete gab es keine
messbare Cannabinoid-Erhoehung
. Die Autor:innen formulieren in
ihrem Fazit deutlich: kein kommerziell relevanter Vorteil.

Das heisst nicht, dass UV-B physiologisch wirkungslos waere,
sondern dass sich der Aufwand wirtschaftlich nicht klar tragen
laesst, zumindest in dieser Konfiguration.

Was die meisten falsch machen: 12:12 als Religion

Die Standardpraxis „Bluete startet mit 12 Stunden Licht“ ist
historisch gewachsen, und in vielen Faellen suboptimal.

Peterswald et al. (2023) haben neun Photoperioden-Behandlungen
gegen drei Sorten gestellt: eine CBD-Linie (Cannatonic), zwei
THC-Linien (Northern Lights, Hindu Kush). Ergebnis:

  • In allen drei Sorten brachte 14L:10D den hoechsten Bluetenertrag.
  • In den THC-Linien fiel allerdings die THC-Konzentration unter
    statischem 14L:10D ab.
  • In der CBD-Linie kam alles zusammen: hoeherer Yield UND hoehere
    CBD-Konzentration, in Summe 50 bis 100 % mehr Total-CBD.

Ahrens et al. (2023) unterstuetzen das Bild: Bluetenstart laesst
sich bei den meisten Cultivars auch unter 13 oder 14 Stunden
ausloesen, manche schaffen sogar 15 Stunden. Die Yield-Antwort ist
oft quadratisch, ein klar definierbarer Sweet Spot, der je nach
Sorte zwischen 12 und 13 Stunden liegt.

Take: Photoperiode ist cultivar-spezifisch. Wer zwoelf Stunden
als universelles Gesetz behandelt, laesst je nach Sorte 30-50 %
Yield oder Cannabinoid-Ertrag liegen.

Bonus: Gewaechshaus-Anbau

Fuer die Anbauer:innen, die nicht rein indoor arbeiten: Collado
et al. (2024)
haben supplementaere Beleuchtung im Gewaechshaus
untersucht. Ergebnis: deutliche Steigerung der Photosynthese, der
Wassernutzungseffizienz und des Wachstums, ohne dass eine
Saettigung erreicht wurde. Auch hier gilt: mehr Licht, mehr Pflanze.

Take-aways fuer die Praxis

  • Hebel 1 (sicher): PPFD bzw. DLI hochfahren, solange Klima
    (CO2, Temperatur, VPD) mitkommt. Skaliert linear in den meisten
    Versuchen.
  • Hebel 2 (cultivar-abhaengig): Photoperiode testen: 13 oder
    14 Stunden koennen bei manchen Sorten deutlich mehr Bluete oder
    Cannabinoide bringen. Vorher mit kleiner Charge ausprobieren.
  • Hebel 3 (Investitions-seitig): beim Fixture-Kauf primaer auf
    µmol pro Joule schauen, nicht auf Spektrum-Recipes.
  • Hebel 4 (skeptisch sein): UV-B als Cannabinoid-Booster ist
    durch die bisherige Studienlage nicht klar belegt. Vor dem
    Hardware-Kauf eigene Tests machen.

Quellen

  1. cannabis yield potency and leaf photosynthesis respond.
    Rodriguez-Morrison et al. (2021), Front. Plant Sci.,
    doi:10.3389/fpls.2021.646020
  2. cannabis lighting decreasing blue photon fraction increases.
    Westmoreland et al. (2021), PLOS ONE,
    doi:10.1371/journal.pone.0248988
  3. indoor grown cannabis yield increased proportionally.
    Llewellyn et al. (2022), Front. Plant Sci.,
    doi:10.3389/fpls.2022.974018
  4. moving away from 12 12 the effect of different photoperiods.
    Peterswald et al. (2023), Plants, doi:10.3390/plants12051061
  5. is twelve hours really the optimum photoperiod. Ahrens
    et al. (2023), Plants, doi:10.3390/plants12142605
  6. an update on plant photobiology and implications. Bilodeau
    et al. (2019), Front. Plant Sci., doi:10.3389/fpls.2019.00296
  7. impact of different daily light integrals and carbon. Huber
    et al. (2021), Front. Plant Sci., doi:10.3389/fpls.2021.615853
  8. led lighting a grower s guide to light spectra. Stamford
    et al. (2023), HortScience, doi:10.21273/hortsci16823-22
  9. supplemental greenhouse lighting increased the water use.
    Collado et al. (2024), Front. Plant Sci.,
    doi:10.3389/fpls.2024.1371702

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