Welches Spektrum die Pflanze wirklich braucht, und warum die Antwort von deiner Anlage abhaengt

Lead: LED-Hersteller verkaufen „optimale Cannabis-Spektren“ mit roten Spitzen, blauen Boostern und UV-Modulen. Die Daten sagen: Spektrum-Wirkung haengt fast komplett davon ab, wie hell deine Anlage ueberhaupt ist. Ueber 700 Mikromol kannst du das Marketing schubladieren. Darunter wird’s interessant.


Worum es hier geht

Im ersten Beitrag haben wir die grossen Lichthebel besprochen: Intensitaet, Spektrum, UV, Photoperiode. Der zweite Beitrag hat den Photoperioden-Hebel detailliert. Heute ist das Spektrum dran. Der Befund ist ueberraschend nuanciert.

Das Spannende an dieser Frage ist: Es gibt nicht „das richtige Cannabis-Spektrum“. Es gibt Bedingungen, unter denen Spektrum stark wirkt, und Bedingungen, unter denen es fast egal ist. Wer das nicht trennt, kauft entweder unnoetig teure Spezialleuchten oder unterschaetzt einen echten Hebel.

Die zentrale Erkenntnis stuetzt sich auf drei Studien, die wir komplett gelesen haben: Magagnini et al. 2018 (Italien/Finnland), Westmoreland et al. 2021 (USA, Utah State University) und Brousseau et al. 2021 (McGill, Review-Synthese).

Das Spektrum-Paradox in zwei Studien

Magagnini 2018: Spektrum macht alles

Die Magagnini-Gruppe hat in einer kontrollierten Tent-Studie drei Lichtquellen verglichen: eine HPS-Lampe (Standard) und zwei LED-Spektren (AP673L mit hohem Rot, NS1 mit hohem Blau und UV-A). Alle drei bei gleicher PPFD von 450 Mikromol.

Die Ergebnisse:

  • THC-Konzentration unter NS1 (hochblau-LED): 38 % hoeher als unter HPS in der ersten Versuchsreihe, 26 % hoeher in der zweiten.
  • CBG-Konzentration: 100-200 % hoeher unter NS1.
  • CBD-Konzentration: 35 % hoeher unter LED.
  • Bluetenertrag: HPS leicht voraus (groesser, schwerer), aber die Konzentrations-Vorteile der LED haben das fast komplett kompensiert.

Mit anderen Worten: bei 450 Mikromol PPFD ist das Spektrum massiv wichtig. Wer in dieser Lichtklasse auf NS1-aehnliche LEDs umsteigt, kann substantiell mehr Cannabinoide rausholen.

Westmoreland 2021: Spektrum macht fast nichts

Drei Jahre spaeter hat die Bugbee-Gruppe an der Utah State University das Gegenteil gemessen. Beide Studien sind methodisch sauber.

Westmoreland und Kolleg:innen haben in drei aufeinanderfolgenden Studien die PPFD konstant auf 750 oder 900 Mikromol gehalten und nur den Blau-Anteil von 4 Prozent (HPS) bis 20 Prozent (verschiedene LEDs) variiert.

Was sie fanden:

  • Yield-Reduktion linear mit steigendem Blau-Anteil: -12 % von 4 % auf 20 % Blau, konsistent ueber alle drei Studien.
  • Cannabinoid-Konzentration: KEIN Effekt des Spektrums auf THC oder CBD.
  • White+Red-LED-Setup brachte 4.6 % weniger Yield pro Quadratmeter als HPS, aber 27 % mehr Yield pro investiertem Strom-Euro, weil die LED-Effizienz (Mikromol pro Joule) deutlich besser war.

Hier ist die Aussage praktisch das Gegenteil: bei hoeherer PPFD ist das Spektrum ein nachgeordneter Hebel, und Fixture-Effizienz ist wirtschaftlich viel wichtiger.

Die Aufloesung: Photorezeptor-Saettigung

Beide Studien sind in ihren Setups gueltig. Sie widersprechen sich nur scheinbar: Was sie messen, ist unterschiedlich.

Brousseau et al. (2021) liefern die mechanistische Erklaerung in ihrem Review: Photorezeptoren in der Pflanze sind bei niedriger Lichtintensitaet noch nicht-saettigt. Wenn Cryptochrom (blauer Lichtsensor) und Phytochrom (roter Lichtsensor) noch Empfindlichkeitskapazitaet haben, reagieren sie staerker auf Spektrum-Variationen. Bei hoher Lichtintensitaet sind beide bereits weitgehend saettig. Zusaetzliche Spektrum-Variationen aendern dann wenig an der Signalkaskade.

Die Schwelle scheint irgendwo um 600-700 Mikromol PPFD zu liegen. Darunter koennen Spektrum-Tweaks Cannabinoid-Konzentrationen verschieben. Darueber dominiert die schiere Photonenmenge das Geschehen.

Genau diese Schwellen-Logik erklaert auch, warum der UV-B-Hype in modernen Studien so schlecht reproduzierbar ist: die alte Lydon-1987-Studie hat in einem Niedriglicht-Setup gemessen, wo UV-B als Stresssignal stark wirkte. Bei kommerziellen Hochleistungs-LEDs ist die Pflanze bereits photo-gestresst genug. Zusaetzliches UV-B macht keinen Unterschied mehr (siehe Llewellyn 2022).

Was das fuer drei verschiedene Setup-Typen bedeutet

Hobby- oder kleine CSC-Anlage (300-500 Mikromol PPFD)

Hier macht Spektrum-Wahl substantiellen Unterschied. Wer auf Cannabinoid-Profile abzielt, sollte:

  • LEDs mit hohem Blau-Anteil (15-25 %) und Rot-Beimischung waehlen
  • HPS aktiv vermeiden: Die Magagnini-Daten zeigen 25-38 % weniger THC unter HPS bei gleicher PPFD
  • UV-A-Komponenten koennen helfen, sind aber kein Muss
  • Subcanopy-Beleuchtung mit Rot+Blau kann untere Bluete-Etagen aufholen (Hawley 2018, in Brousseau zitiert)

Take: Bei niedriger Anlage-Leistung lohnt der LED-Spektrum-Aufwand.

Mittlere CSC- oder Kleinanlagen (500-700 Mikromol PPFD)

Grenzregion. Spektrum kann noch etwas bringen, aber Fixture-Effizienz wird wichtiger. Pragmatische Empfehlung:

  • Auf LEDs mit guter Effizienz (>2.3 Mikromol pro Joule) achten
  • Spektrum nicht ueberbetonen, aber White+Red-Mischungen mit moderatem Blau-Anteil (10-15 %) sind robust
  • Vor jeder grossen Spektrum-Investition Westmoreland-Daten lesen

Kommerzielle Produktion (>700 Mikromol PPFD)

Hier verschiebt sich die Logik komplett. Spektrum ist kein Yield-Hebel mehr und kein Cannabinoid-Konzentrations-Hebel, siehe Westmoreland und Llewellyn 2022 („UV bringt nichts“).

Worauf es jetzt ankommt:

  • Fixture-Effizienz (Mikromol pro Joule): Bestes White+Red-LED-Setup brachte 27 % mehr Yield pro Strom-Euro als HPS bei gleicher PPFD.
  • PPFD bis 1.800 Mikromol skaliert linear ohne Saettigung (Rodriguez-Morrison 2021). Nutze die Kapazitaet.
  • Niedriger Blau-Anteil ist sogar besser: -12 % Yield bei 20 % Blau vs. 4 % Blau (Westmoreland).
  • Spektrum-Marketing-Versprechen kannst du schubladieren. Das gilt fuer „Cannabis-spezifische Spektren“, „UV-Boost“ und aehnliche Premium-Aufschlaege.

Take: Bei Hochleistungs-Setups dominiert PPFD x Effizienz. Spektrum ist Feinabstimmung, kein Geschaeftsmodell.

Was das Spektrum SICHER kann (PPFD-unabhaengig)

Drei Effekte sind unabhaengig von der Lichtintensitaet stabil und damit auch in kommerziellen Setups relevant:

  1. Pflanzen-Form: Niedriges Rot-Far-Red-Verhaeltnis (typisch HPS) verlaengert Stamm und Internodien. LED-Setups produzieren kompaktere Pflanzen, relevant fuer Vertical-Farm-Layouts.
  2. Blattflaeche und Photon-Capture: Hoeherer Blau-Anteil reduziert Blattexpansion, was den Yield-Verlust unter blau-heavy Spektren mit-erklaert.
  3. Energie-Effizienz pro Watt: White+Red-LEDs haben strukturell die beste Mikromol/Joule-Bilanz, weil Rot weniger Energie pro Photon kostet als Blau oder Gruen.

Stamford et al. (2023) modellieren das mit britischen Strompreisen und kommen zu Daumenregeln: ab welcher Anlagenleistung sich welcher LED-Spektrum-Recipe rechnet.

Was die Studien NICHT sagen

Wichtig fuer den Lese-Kompass:

  • Terpen-Profile sind nur sparsam untersucht. Rodriguez-Morrison fanden minimale Terpen-Effekte mit PPFD; ueber Spektrum-Effekte auf Terpene gibt es kaum Cannabis-spezifische Daten.
  • Cultivar-Spektrum-Wechselwirkungen sind ungetestet. Magagnini hat eine Sorte, Westmoreland eine andere. Dass beide wir gleich reagieren, ist eine Annahme, keine Evidenz.
  • Wirtschaftlichkeit ueber Erntezyklen wird selten berechnet. Die Stamford-Berechnung ist die Ausnahme.
  • UV-B-Forschung in Cannabis ist erstaunlich duenn: Die alte Lydon-1987-Studie ist die einzige Quelle fuer das THC-UV-B-Argument, und sie wurde nie repliziert.

Take-aways fuer die Praxis

  • Setup-Klasse zuerst klaeren: Wo liegt deine PPFD? Unter 500, zwischen 500 und 700, oder darueber?
  • Niedrig (unter 500): LED-Spektrum mit hohem Blau-Anteil lohnt; HPS aktiv vermeiden.
  • Mittel (500-700): Fixture-Effizienz priorisieren, Spektrum-Optimierung als Nebeneffekt mitnehmen.
  • Hoch (ueber 700): Spektrum-Marketing ignorieren. PPFD weiter hochfahren bis 1.800 Mikromol; Fixture-Effizienz (Mikromol pro Joule) ist die wichtigste Investitions-Metrik.
  • UV-B-Hardware: in jedem Setup skeptisch bleiben. Evidenz fuer Cannabinoid-Boost fehlt.
  • Cultivar-Kompatibilitaet pruefen: wenn du eine Sorte hast, die nicht in den Studien getestet wurde (also fast immer), Test-Lauf mit Vergleichscharge fahren, bevor du die ganze Anlage umstellst.

Quellen

  1. cannabis lighting decreasing blue photon fraction increases. Westmoreland et al. (2021), PLOS ONE. doi:10.1371/journal.pone.0248988
  2. the effect of light spectrum on the morphology. Magagnini et al. (2018), Med. Cannabis Cannabinoids. doi:10.1159/000489030
  3. cannabinoids and terpenes how production of photo. Brousseau, Wu, MacPherson, Morello, Lefsrud (2021), Front. Plant Sci.. doi:10.3389/fpls.2021.620021
  4. led lighting a grower s guide to light spectra. Stamford et al. (2023), HortScience. doi:10.21273/hortsci16823-22
  5. cannabis yield potency and leaf photosynthesis respond. Rodriguez-Morrison et al. (2021), Front. Plant Sci.. doi:10.3389/fpls.2021.646020
  6. indoor grown cannabis yield increased proportionally. Llewellyn et al. (2022), Front. Plant Sci.. doi:10.3389/fpls.2022.974018

Spread the word!


Dies schließt sich in 0Sekunden

Dies schließt sich in 0Sekunden

Nach oben scrollen