Lead: Im letzten Beitrag haben wir die belastbaren N/P/K-Hausnummern besprochen. Aber kein Schema funktioniert isoliert. Die Forschung der letzten beiden Jahre zeigt deutlich: Wer Düngung optimieren will, muss Licht, Wasserregime, Klima und Mikrobiom mitdenken. Und die Reihenfolge dieser Stellgrößen ist nicht beliebig.
Worum es hier geht
Der erste Düngungs-Beitrag hat sich auf die direkten N/P/K-Studien konzentriert: Saloner und Bernstein, Bevan, Caplan. Das war die Grundlage. Aber CSC-Anbauer wissen aus der Praxis, dass dieselben ppm-Werte in zwei verschiedenen Setups zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen. Und dieser Unterschied ist kein Messfehler, sondern Wechselwirkung mit anderen Variablen.
Wir haben den Vault jetzt deutlich breiter aufgestellt: insgesamt 50 Paper, mit klarem Schwerpunkt auf Studien, die explizit zwei oder mehr Variablen kombinieren. Sechs davon haben wir im Volltext analysiert. Vier Wechselwirkungs-Befunde haben sich dabei herauskristallisiert, plus zwei Negativstudien, die CSCs Geld sparen können.
Wasser und Stickstoff sind nicht trennbar
Tang und Kollegen (2018) haben Industriehanf in Whole-Canopy-Messkammern beobachtet, eine Methode, die nicht ein Einzelblatt, sondern den gesamten Bestand in Echtzeit erfasst. Das Ergebnis: Trockenstress und N-Mangel verstärken sich überproportional. Trockenstress allein senkt Photosynthese vor allem über Stomata-Schluss. N-Mangel allein senkt sie über reduzierte Rubisco- und Chlorophyll-Mengen. Wenn beides zusammenkommt, sind die Reserven der Pflanze aufgebraucht. Praktisch heißt das: Wer in der späten Blüte gezielt Trockenstress fährt (wie Caplan und Kollegen 2019 für die Cannabinoid-Steigerung gezeigt haben), muss vorher sicher sein, dass die N-Versorgung nicht parallel einbricht. Sonst kombiniert man zwei Stresse, die einzeln je nach Phase nützlich sein können, aber zusammen den Ertrag kaputtmachen.
Sheldon und Kollegen (2021) ergänzen die andere Seite: Trockenstress-Toleranz variiert genotypisch deutlich. Was bei der einen Sorte ein gewollter Reifestress ist, ist bei der nächsten ein Ertragseinbruch. Auch hier gilt: erst beobachten, dann standardisieren.
Phosphor ist die unterschätzte Stellgröße
Zwei aktuelle Studien zeigen, dass die übliche P-Praxis vermutlich zu hoch ansetzt. Shiponi und Bernstein (2021) testen fünf P-Stufen (5 bis 90 mg/L) an zwei Cultivars in der Blüte und finden einen gegensätzlichen Effekt: Mehr P erhöht den Blütenertrag, senkt aber gleichzeitig die Cannabinoid-Biosynthese. Das ist nicht trivial, weil das Optimum für Ertrag und das Optimum für Wirkstoff nicht zusammenfallen. Wer auf maximale Trockenmasse fährt, opfert Cannabinoid-Konzentration.
Hershkowitz, Westmoreland und Bugbee (2025) gehen einen Schritt weiter und testen, ob Verdoppelung der gesamten Nährlösungs-Konzentration (EC 2 → 4 mS/cm) etwas bringt. Die Antwort ist nüchtern: nichts. Weder Ertrag noch Cannabinoide steigen. Mehr noch: Die Studie zeigt, dass über 15 mg/L P hinaus auch isoliert nichts mehr passiert. Das ist deutlich unter dem, was viele Düngerhersteller in ihren Datenblättern empfehlen. Wichtig dabei: das gilt für recirculierende Hydro-Setups. In Drain-to-Waste-Systemen mit hoher Auswaschung sind höhere Nominaldosen weiterhin sinnvoll, weil ein großer Teil ungenutzt abläuft. Aber wer recirculiert oder stark drittel-fertilisiert, kann hier Geld und Umweltbelastung sparen, ohne Qualität zu verlieren.
Lichtspektrum wirkt auf Cannabinoide, aber nicht auf alle gleich
Brousseau und Kollegen (2021) reviewen die Lichtspektrum-Cannabinoid-Achse und liefern eine differenzierte Bilanz. Cannabinoide werden in den Trichomen als photo-protektive Sekundärmetabolite gebildet. Das ist die mechanistische Basis dafür, warum Spektrum-Manipulation überhaupt etwas bewirken kann. UV-B kann die Biosynthese stimulieren, sichtbare LED-Spektren verstärken THC- und Terpen-Akkumulation, CBD reagiert deutlich schwächer. Morello und Kollegen (2022) liefern dazu mit der „Cannabinoid Production Efficiency“ ein praktisches Konzept: nicht der absolute Cannabinoid-Gehalt zählt, sondern Cannabinoid pro mol Photonen, also Cannabinoid pro investiertem Strom.
Aber: Rodriguez-Morrison und Kollegen (2021) zeigen die andere Seite. In ihrer kontrollierten Studie hat kurzwelliges UV-B weder Ertrag noch Cannabinoid-Konzentration erhöht. Das ist eine wichtige Negativstudie, weil viele kommerzielle UV-Lampen mit genau diesem Effekt beworben werden. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich dazwischen: UV-Effekte sind cultivar-, dosis- und phasenabhängig, und werbliche Pauschalbehauptungen halten dem genauen Test nicht stand.
Was heißt das für einen Club? Wenn ihr LED-Wechsel überlegt, ist die Cannabinoid-Effizienz pro kWh ein sinnvollerer Vergleichsmaßstab als der Werbeprospekt-Ertrag.
Mikrobiom: Versprechen ist groß, Evidenz dünn
Zwei Reviews, Lyu und Kollegen (2019) für PGPR und Ahmed und Hijri (2021) für die Mikrobiota allgemein, kommen zum selben Befund: Plausibel wirksam, kausal kaum belegt für drug-type Cannabis. Die übertragbare Evidenz aus Reis, Weizen, Mais ist beeindruckend. Die direkten Cannabis-Daten sind dünn. Lyu et al. heben Pseudomonas– und Bacillus-Stämme hervor, weil die Wirkmechanismen (N-Fixierung, P-Mobilisierung, Phytohormone) gut verstanden sind und weil Cannabis als hoch-regulierte Kultur ohne erlaubte chemische Pestizide besonders attraktiv für biologische Krankheitskontrolle ist.
Lesehinweis am Rand: Lyu et al. ist eine Perspective, kein Original-Experiment, und einer der Co-Autoren ist CEO eines Cannabis-Bioprodukt-Anbieters. Conflict-of-Interest ist sauber dokumentiert. Trotzdem: Als Empfehlungsbasis für CSCs reicht es nicht. Filho, Thomason und Kollegen (2020) sowie Filho, Chim und Kollegen (2024) liefern Original-Daten zu integrierten Nährstoff-Mikroben-Systemen, die deutlich konkreter sind. Bilanz für die Praxis: Biostimulanzien als Versuch behandeln, dokumentieren, eigene Daten erheben. Marketing-Behauptungen kritisch lesen.
Düngung × Klima × Pathogen: die unbeliebte Kopplung
Punja und Kollegen (2019) haben über drei Jahre an mehreren Standorten in Kanada Cannabis-Pathogene und Schimmelpilze inventarisiert. Das ist die Standard-Referenz, aber für Düngediskussion oft übersehen. Die Verbindung ist banal, aber wichtig: Überdüngung (vor allem Stickstoff-Überdüngung) produziert weiches, üppiges Gewebe mit dünner Zellwand-Architektur. Das ist Pathogen-Einladung. Botrytis cinerea (Bud Rot) bei hoher Feuchte und schlecht durchlüfteten Canopies, Fusarium bei übernässten Wurzelzonen, Echter Mehltau auf weichen Pflanzen. Die Folgestudien (Mahmoud et al. 2023, Punja et al. 2023, Buirs & Punja 2024) untermauern das.
Aus CSC-Sicht ist das ein zusätzliches Argument gegen N-Überdüngung: Das schon im ersten Beitrag erwähnte „mehr ist nicht besser“ hat noch eine weitere Dimension. Überdüngung ist teuer, sie mindert die Qualität, und sie erhöht das Risiko. Bei einem Befall mit Botrytis in der späten Blüte ist eine Charge schnell unverkäuflich.
Wenn ihr Inputs reduzieren wollt
Massuela und Kollegen (Universität Hohenheim, 2023) haben eine Frage gestellt, die in CSCs alltäglich ist: Können wir Inputs senken, ohne Wirkstoff zu verlieren? Sie fahren fünf Düngestufen × zwei Düngertypen (organisch und mineralisch) in der Blüte und finden einen klaren Trade-off: Reduzierte Düngung senkt die Blütenmasse, aber die CBD-Konzentration steigt. Das gleicht den CBD-Ertrag aus, bis zu einer bestimmten Stress-Schwelle. Erst bei sehr starker Reduktion bricht der Wirkstoff-Ertrag ein. Wichtige Nebenbefunde: keine signifikante Wechselwirkung zwischen Düngertyp und Konzentration, aber organische Düngung hat durchgehend niedrigere Effizienz. Das bestätigt das Praxis-Wissen, dass organische Schemata höhere Nominaldosen brauchen, um gleichziehen zu können.
Methodendiskussion: was die Wechselwirkungs-Studien (nicht) leisten
Drei Punkte zum Mitnehmen. Erstens: Die meisten Wechselwirkungs-Studien testen genau zwei Variablen: N × Wasser oder Spektrum × Phase. Vollfaktorielle Designs mit drei oder mehr Variablen sind selten, methodisch teuer und in der Cannabis-Forschung erst im Anlauf. Was wir „Wechselwirkungen“ nennen, ist meist die Verknüpfung von zwei separaten Studien, nicht die direkte Messung einer Drei-Wege-Interaktion. Zweitens: Negativstudien (wie Hershkowitz 2025 zu P und Rodriguez-Morrison 2021 zu UV-B) sind Gold wert, werden aber weniger zitiert als Positivbefunde. Wer Düngeschemata oder Lampensysteme bewertet, sollte die Negativstudien aktiv suchen. Drittens: die Lab-zu-Praxis-Lücke ist bei Wechselwirkungen größer als bei einzelnen Variablen, weil im realen Anbau viele Variablen gleichzeitig schwanken.
Schreibt uns, welche Wechselwirkung in eurem Setup die Praxis-Frage Nummer eins ist: Spektrum × Düngung, Klima × N, Substrat × pH? Wir nehmen sie in den nächsten Recherche-Zyklus.
Take-aways
- N und Wasser sind nicht trennbar: Kombinierter Stress senkt Photosynthese überproportional. Genotypen reagieren unterschiedlich.
- P ist meist überdosiert. Über ~15 mg/L bringt mehr P weder Ertrag noch Cannabinoide; höhere P-Stufen können Cannabinoid-Gehalt sogar senken.
- Lichtspektrum wirkt auf Cannabinoide, aber cultivar- und phasenabhängig: keine Pauschalempfehlung. Cannabinoid pro kWh ist der bessere Vergleichsmaßstab als Ertrag.
- Mikrobielle Biostimulanzien sind plausibel, aber für drug-type kaum kausal belegt. Als Versuch behandeln, eigene Daten erheben.
- Überdüngung erhöht das Pathogen-Risiko (Bud Rot, Mehltau). Weniger ist nicht nur billiger, sondern oft auch sicherer.
- Reduzierte Düngung in der Blüte senkt Masse, erhöht aber Wirkstoff-Konzentration, bis zu einer Stress-Schwelle.
Quellen
- Shiponi, S. & Bernstein, N. (2021). The Highs and Lows of P Supply in Medical Cannabis. Frontiers in Plant Science. DOI: 10.3389/fpls.2021.657323. the highs and lows of p supply in medical cannabis
- Hershkowitz, J., Westmoreland, F. & Bugbee, B. (2025). Elevated root-zone P and nutrient concentration do not increase yield or cannabinoids in medical cannabis. Frontiers in Plant Science. DOI: 10.3389/fpls.2025.1433985. elevated root zone p and nutrient concentration do not increase
- Massuela, D., Münz, S., Hartung, J. et al. (2023). Cannabis Hunger Games: nutrient stress induction in flowering stage. Frontiers in Plant Science. DOI: 10.3389/fpls.2023.1233232. cannabis hunger games nutrient stress induction in flowering stage impact
- Tang, K., Fracasso, A., Struik, P. C. et al. (2018). Water- and Nitrogen-Use Efficiencies of Hemp Based on Whole-Canopy Measurements and Modeling. Frontiers in Plant Science. DOI: 10.3389/fpls.2018.00951. water and nitrogen use efficiencies of hemp cannabis sativa l
- Lyu, D., Backer, R., Robinson, W. G. & Smith, D. L. (2019). Plant Growth-Promoting Rhizobacteria for Cannabis Production. Frontiers in Microbiology. DOI: 10.3389/fmicb.2019.01761. plant growth promoting rhizobacteria for cannabis production yield cannabinoid profile
- Brousseau, V. D., Wu, B.-S., MacPherson, S. et al. (2021). Cannabinoids and Terpenes: Photo-Protectants Manipulation. Frontiers in Plant Science. DOI: 10.3389/fpls.2021.620021. cannabinoids and terpenes how production of photo protectants can be
- Morello, V., Brousseau, V. D., Wu, B.-S. et al. (2022). Light Quality Impacts Vertical Growth Rate, Phytochemical Yield and Cannabinoid Production Efficiency. Plants. DOI: 10.3390/plants11212982. light quality impacts vertical growth rate phytochemical yield and cannabinoid
- Punja, Z. K., Collyer, D., Scott, C. et al. (2019). Pathogens and Molds Affecting Production and Quality of Cannabis sativa. Frontiers in Plant Science. DOI: 10.3389/fpls.2019.01120. pathogens and molds affecting production and quality of cannabis sativa
- Caplan, D., Dixon, M. & Zheng, Y. (2019). Increasing Inflorescence Dry Weight and Cannabinoid Content via Controlled Drought Stress. HortScience. DOI: 10.21273/hortsci13510-18. increasing inflorescence dry weight and cannabinoid content
- Saloner, A., Sacks, M. M. & Bernstein, N. (2019). Response of Medical Cannabis Genotypes to K Supply. Frontiers in Plant Science. DOI: 10.3389/fpls.2019.01369. response of medical cannabis cannabis sativa l genotypes to k
- Rodriguez-Morrison, V., Llewellyn, D. & Zheng, Y. (2021). Cannabis Inflorescence Yield and Cannabinoid Concentration Are Not Increased With UV-B. Frontiers in Plant Science. DOI: 10.3389/fpls.2021.725078. cannabis inflorescence yield and cannabinoid concentration are not increased with
- Cockson, P., Landis, H., Smith, T. et al. (2019). Characterization of Nutrient Disorders of Cannabis sativa. Applied Sciences. DOI: 10.3390/app9204432. characterization of nutrient disorders of cannabis sativa
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