Lead: Düngeempfehlungen für Cannabis kursieren in jedem Forum. Fundiert sind sie selten. Ein knappes Dutzend belastbarer Studien aus den letzten sechs Jahren liefert mittlerweile konkrete Optima für N, P und K, zeigt aber auch, wie stark Genotyp, Photoperiode, Substrat und Wasserregime mit hineinspielen. Wer das versteht, spart Geld und holt mehr aus seinen Pflanzen.
Worum es hier geht
Lange war Cannabis-Düngung gefühltes Wissen: ein bisschen Coffman-und-Gentner-Paper aus 1977, dazu Erfahrungswerte aus Foren und Substrat-Hersteller-Datenblätter, deren Empfehlungen von Hörensagen geprägt waren. Seit etwa 2019 hat sich das geändert: Mehrere Forschungsgruppen, vor allem das Volcani-Institut in Israel (Bernstein-Lab) und die University of Guelph in Kanada (Zheng-Lab), haben kontrollierte Experimente mit medizinalem drug-type Cannabis durchgeführt. Das ist agronomisch belastbarere Datenlage als alles, was vorher öffentlich verfügbar war.
Wir haben für diesen Beitrag zwölf Studien aus den Jahren 2019 bis 2025 ausgewertet, davon sechs als Volltext-Tiefenanalyse. Drei Kernbefunde zeichnen sich ab. Und genauso wichtig: drei methodische Einschränkungen, die du kennen solltest, bevor du Empfehlungen 1:1 übernimmst.
Die Hausnummern für N, P und K
Die robusteste Datenlage gibt es für Stickstoff in der vegetativen Phase. Saloner und Bernstein (2020) haben fünf N-Stufen (30, 80, 160, 240, 320 ppm) an der THC/CBD-Sorte „Annapurna“ über 32 Tage getestet. Bei 30 und 80 ppm zeigten die Pflanzen klare Mangelsymptome: Chlorose, Wuchsdepression, geringere Wurzelmasse. Ab 160 ppm war das Optimum erreicht; mehr brachte keinen Mehrertrag, sondern erste Anzeichen ineffizienter Aufnahme. Für die Vegetation ist 160 ppm N also der Punkt, ab dem Mehr nichts mehr bringt, eine Empfehlung, die quer durch verschiedene Cultivars und Setups robust zu sein scheint.
Für die Blütephase liefert Bevan, Jones und Zheng (2021) die methodisch interessanteste Studie. Sie haben mit Response Surface Methodology (einem statistischen Verfahren, das Wechselwirkungen zwischen Variablen modelliert) die optimale Kombination von N, P und K im Hydro-Setup (Deep-Water-Culture) ermittelt. Mit 100 Pflanzen der THC-Sorte „Gelato“, über acht Wochen Blüte, in einem Health-Canada-zertifizierten Produktionsraum. Das Optimum lag bei 194 mg/L N und 59 mg/L P. Spannend: Kalium war in dem getesteten Bereich (60 bis 340 mg/L) nicht der limitierende Faktor: das Modell konnte für K kein klares Optimum identifizieren. Übersetzung für den Alltag: N und P sind die Stellgrößen, an denen du in der Blüte feinjustierst; K musst du im Bereich halten, aber nicht obsessiv optimieren.
Für Kalium wird es wieder cultivar-abhängig. Saloner, Sacks und Bernstein (2019) haben zwei Sorten parallel getestet. „Royal Medic“ (eher kompakt) erreicht sein Optimum bei 175 ppm K, weiter steigern verschlechtert die Leistung. „Desert Queen“ (größerer Wuchstyp) profitiert dagegen noch von einer Steigerung auf 240 ppm. Die Studie ist eine der wenigen, die Genotyp-Düngung-Interaktion explizit testet, und liefert die direkte Begründung dafür, warum eine universelle K-Empfehlung für alle Sorten nicht funktionieren kann.
Mehr Düngung heißt nicht mehr Wirkstoff
Eine Annahme aus der Praxis lautet: Üppige Düngung gibt mehr THC. Bernstein et al. (2019) haben das untersucht, mit überraschendem Ergebnis. Sie testeten die Wirkung erhöhter N-, P-, K- und Huminsäure-Gabe auf das Cannabinoid-Profil der Sorte „NB100″ über die volle Vegetations- und Blühperiode. Erhöhte K-Versorgung senkte THC und CBG im Blütenstand, P-Erhöhung lieferte uneinheitliche Effekte, Huminsäure veränderte vor allem das Mineralstoffprofil, nicht die Cannabinoide. Das Fazit der Autor:innen formuliert es vorsichtig: Die Beziehung zwischen Cannabinoid-Gehalt und Nährstoffaufstockung ist komplex und nicht-linear. Wer jenseits des Optimums weiterdüngt, verschiebt das Profil, meistens nicht zum Besseren.
Eine ergänzende Perspektive liefert Caplan, Dixon und Zheng (2019): kontrollierter Trockenstress in der späten Blüte erhöhte den Cannabinoid-Gehalt, ohne die Blütenmasse nennenswert zu reduzieren. Wasser- und Nährstoffregime sind also direkt gekoppelt; wer Düngung optimiert, sollte das Bewässerungsschema mitdenken.
Wechselwirkungen, die in den Foren oft fehlen
Vier Wechselwirkungen sollten CSCs und Anbauer:innen auf dem Schirm haben.
Erstens Photoperiode: Saloner und Bernstein (2020) testen ausdrücklich unter 18/6, also vegetativ. Bevan et al. (2021) testet 12/12, also Blüte. Die N-Optima beider Studien überlappen zwar (160 bis 194 mg/L), aber die Logik ist unterschiedlich: in der Vegetation füttert N das Massewachstum, in der Blüte konkurriert es mit dem Cannabinoid-Stoffwechsel. Ein Düngeschema, das die Photoperioden-Umstellung ignoriert, lässt Ertrag oder Qualität liegen.
Zweitens Genotyp: Die K-Studie zeigt es am deutlichsten, aber gilt für N und P genauso. Wenn du eine neue Sorte einführst, übernimm Empfehlungen aus Studien an anderen Cultivars als Startwert, nicht als Zielwert, und beobachte die Pflanzen.
Drittens Substrat: Bevan et al. (2021) verweisen auf Caplan et al. (2017), die für organisch-basierte Substrate ein höheres N-Optimum (212 bis 261 mg/L) fanden. Die Erklärung ist banal, aber wichtig: organische N-Quellen sind nicht sofort pflanzenverfügbar. Die nominelle Dosis muss höher sein, um die effektive Verfügbarkeit auf das Niveau einer mineralischen Lösung zu bringen. Das ist auch der Kern der Übersichtsarbeit von Ahmadi et al. (2024) zu chemischen vs. organischen Fertilisationssystemen, wobei dieser Review hauptsächlich Industriehanf abdeckt, die Mechanismen aber auf drug-type übertragbar sind. Malík und Tlustoš (2025) und Nemati et al. (2021) liefern dazu aktuelle Substrat-Reviews.
Viertens das Mikrobiom. Ahmed und Hijri (2021) reviewen den Stand zu Mykorrhiza, PGPR und Endophyten in Cannabis. Ihre Bilanz ist ernüchternd: Plausibel wirksam, kausal kaum belegt. Und kommerzielle „Myko“-Produkte enthalten oft nicht die Spezies, die in Cannabis tatsächlich funktionieren. Wer mit Biostimulanzien experimentiert, sollte das als Versuch betrachten und nicht als Standardempfehlung verbuchen.
Methodendiskussion: Was die Studien (nicht) leisten
Drei Einschränkungen, die du im Hinterkopf behalten solltest. Erstens: kleine Stichproben. Die Bernstein- und Saloner-Studien arbeiten mit n = 5 Pflanzen pro Behandlung. Das ist agronomisch knapp, statistisch oft genug, aber empfindlich gegen Ausreißer. Bevan et al. (2021) ist mit n = 100 Gesamtpflanzen die methodisch sauberste Studie der Auswahl.
Zweitens: schmale Cultivar-Basis. Insgesamt decken die zwölf Studien zusammengenommen vielleicht zehn bis zwölf verschiedene Cultivars ab. Das ist im Vergleich zur Sortenvielfalt im Markt sehr wenig. Wenn deine Sorte nicht in dieser Auswahl steckt, gilt: Empfehlung als Startwert übernehmen, dann beobachten und anpassen.
Drittens: Lab-zu-Praxis-Lücke. Alle zitierten Studien laufen in kontrollierten Wachstumsräumen oder zertifizierten Produktionsanlagen. CSC-Anbau hat oft mehr Variabilität: Temperaturen, Lichtqualität, Wasserqualität schwanken stärker. Sortenoptima aus der Studie sind ein Korridor, kein Punkt.
Hilfreich für die Praxis sind zwei methodische Neuentwicklungen. Schober, Präger und Graeff-Hönninger (2024, Universität Hohenheim) und Sanaeifar et al. (2024) haben hyperspektrale Bildgebung für die nicht-destruktive Bestimmung des Nährstoffstatus an Cannabis getestet. Die Sensorik wird in den nächsten Jahren in den niedrigen vierstelligen Eurobereich rutschen. Das könnte für CSC-Verbünde mit mehreren Anlagen ein interessanter Hebel werden, um Mangelzustände zu erkennen, bevor sie sichtbar werden.
Was heißt das für deinen Club
Wenn du dein Düngeschema überprüfen willst, sind das die belastbarsten Default-Werte aus der aktuellen Forschung, gültig für mineralische Nährlösungen, für drug-type Cannabis, in Substrat- oder Hydro-Setups: 160 ppm N in der Vegetation, 190 bis 200 mg/L N und ~60 mg/L P in der Blüte, K nicht überdosieren (im Bereich 150 bis 200 ppm bist du sicher, sortenabhängig auch höher). Bei organischer Düngung 30 bis 50 % höhere Nominaldosen ansetzen, weil die Verfügbarkeit verzögert ist. Bei jeder Sorten-Einführung: erste zwei Zyklen genau dokumentieren, dann das Schema feinjustieren. Bei Biostimulanzien skeptisch bleiben: die Wirkung auf Cannabinoide ist noch nicht belastbar gezeigt.
Und vor allem: Mehr ist nicht besser. Die häufigste Fehleinstellung in der Praxis ist Überdüngung. Sie kostet nicht nur Geld, sie kann das Cannabinoid-Profil zum Schlechteren verschieben.
Schreib uns gerne, wie dein Schema aussieht und ob die Werte zu deiner Erfahrung passen. Und wenn du eine Sorte fährst, zu der wir noch keine Studie gefunden haben, sag Bescheid. Wir nehmen sie in den nächsten Recherche-Zyklus mit.
Take-aways
- 160 ppm N in der Vegetation, ~190 mg/L N und ~60 mg/L P in der Blüte sind die belastbarsten Hausnummern für mineralische Nährlösungen.
- K ist in der Blüte selten der limitierende Faktor, aber stark cultivar-abhängig: Sorten mit größerem Wuchstyp brauchen mehr.
- Mehr Düngung gibt nicht mehr THC. Erhöhte K-Gabe kann das Cannabinoid-Profil sogar absenken.
- Photoperiode, Substrat, Wasserregime und Genotyp interagieren: Düngeschemata aus Foren ohne diese Variablen sind unvollständig.
- Mikrobielle Biostimulanzien sind ein vielversprechender, aber für Cannabis kaum belegter Hebel: als Versuch behandeln, nicht als Standard.
Quellen
- Bernstein, N., Gorelick, J., Zerahia, R. & Koch, S. (2019). Impact of N, P, K, and Humic Acid Supplementation on the Chemical Profile of Medical Cannabis. Frontiers in Plant Science. DOI: 10.3389/fpls.2019.00736. impact of n p k and humic acid supplementation on
- Saloner, A. & Bernstein, N. (2020). Response of Medical Cannabis to Nitrogen Supply Under Long Photoperiod. Frontiers in Plant Science. DOI: 10.3389/fpls.2020.572293. response of medical cannabis cannabis sativa l to nitrogen supply
- Saloner, A., Sacks, M. M. & Bernstein, N. (2019). Response of Medical Cannabis Genotypes to K Supply Under Long Photoperiod. Frontiers in Plant Science. DOI: 10.3389/fpls.2019.01369. response of medical cannabis cannabis sativa l genotypes to k
- Bevan, L., Jones, M. & Zheng, Y. (2021). Optimisation of Nitrogen, Phosphorus, and Potassium for Soilless Production of Cannabis sativa in the Flowering Stage Using Response Surface Analysis. Frontiers in Plant Science. DOI: 10.3389/fpls.2021.764103. optimisation of nitrogen phosphorus and potassium for soilless production of
- Caplan, D., Dixon, M. & Zheng, Y. (2019). Increasing Inflorescence Dry Weight and Cannabinoid Content in Medical Cannabis Using Controlled Drought Stress. HortScience. DOI: 10.21273/hortsci13510-18. increasing inflorescence dry weight and cannabinoid content
- Ahmed, B. & Hijri, M. (2021). Potential impacts of soil microbiota manipulation on secondary metabolites production in cannabis. Journal of Cannabis Research. DOI: 10.1186/s42238-021-00082-0. potential impacts of soil microbiota manipulation on secondary metabolites production
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- Schober, T., Präger, A. & Graeff-Hönninger, S. (2024). A non-destructive method to quantify the nutritional status of Cannabis sativa using in situ hyperspectral imaging. Computers and Electronics in Agriculture. DOI: 10.1016/j.compag.2024.108656. a non destructive method to quantify the nutritional status of
- Sanaeifar, A., Yang, C., An, M. et al. (2024). Noninvasive Early Detection of Nutrient Deficiencies in Greenhouse-Grown Industrial Hemp Using Hyperspectral Imaging. Remote Sensing. DOI: 10.3390/rs16010187. noninvasive early detection of nutrient deficiencies in greenhouse grown industrial
- Ahmadi, F., Kallinger, D., Starzinger, A. et al. (2024). Hemp Cultivation: Chemical Fertilizers or Organic Technologies, a Comprehensive Review. Nitrogen. DOI: 10.3390/nitrogen5030042. hemp cannabis salvia l cultivation chemical fertilizers or organic technologies
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- Nemati, R., Fortin, J.-P., Craig, J. et al. (2021). Growing Mediums for Medical Cannabis Production in North America. Agronomy. DOI: 10.3390/agronomy11071366. growing mediums for medical cannabis production in north america
