Lead: 12 Stunden Licht, 12 Stunden Dunkelheit. Diese Regel ist seit Jahrzehnten der Standard, um Cannabis indoor zur Bluete zu bringen. Drei Studien aus den letzten zwei Jahren legen nahe: das Standardverfahren ist in vielen Faellen suboptimal, und der Ertragsverlust dadurch laesst sich in zweistelligen Prozentzahlen messen.
Worum es hier geht
Im vorherigen Beitrag haben wir den groben Lichtbaukasten fuer Cannabis-Anbau besprochen (PPFD, Spektrum, UV). Eine Variable haben wir absichtlich nur gestreift: die Photoperiode. Sie verdient einen eigenen Beitrag, weil hier die Datenlage in den letzten zwei Jahren deutlich weiter geworden ist als bei vielen anderen Kultivierungs-Hebeln.
Wir haben uns vier Studien angeschaut: drei direkte Photoperioden-Experimente an Indoor-Cannabis (Peterswald et al. 2023, Ahrens et al. 2023, Ahrens et al. 2024), plus eine Naehrstoff-Studie unter langer Photoperiode (Saloner und Bernstein 2020) als Kontext fuer die Vegetativ-Phase. Drei Kernbefunde, mit denen Grower sofort etwas anfangen koennen.
Befund 1: 14 Stunden Licht bringen mehr Bluete, fast immer
Peterswald und Kolleg:innen haben 2023 in einer ODC-zugelassenen Anlage in Australien drei Cannabis-Sorten gegen neun verschiedene Photoperioden gestellt. Eine CBD-Linie („Cannatonic“) und zwei THC-Linien („Northern Lights“, „Hindu Kush“). Variiert wurden 10L:14D, 12L:12D und 14L:10D, plus Wechsel-Treatments mitten in der Bluete (28 Tage nach Beginn).
Das Ergebnis war ueber alle drei Sorten konsistent: Bluetenertrag war am hoechsten bei Treatments, die mit 14L:10D starteten. Die Pflanzen hatten in der fruehen Bluete-Phase mehr Licht zur Photosynthese, wuchsen kraeftiger, bildeten mehr Bluetenansatz.
Ein Jahr spaeter haben Ahrens und Kolleg:innen aus Guelph (Kanada) das mit zwei THC-dominanten Sorten („Incredible Milk“, „Gorilla Glue“) repliziert, diesmal mit nur 13 statt 14 Stunden Licht, dafuer bis zur kommerziellen Reife durchgefahren. Ertrag in der 13-Stunden-Behandlung: 1.35-mal hoeher in IM, 1.50-mal hoeher in GG. Das sind 35 bis 50 % mehr Bluete.
Bemerkenswert: der DLI (daily light integral, also die Gesamt-Lichtmenge pro Tag) stieg von 12 zu 13 Stunden nur um etwa 8 %. Der Yield-Sprung war also vier- bis sechsmal hoeher als die Lichtmenge alleine erklaeren wuerde. Der Effekt scheint also nicht nur „mehr Licht = mehr Bluete“ zu sein, sondern auch eine andere physiologische Antwort der Pflanze.
Befund 2: Aber THC kann darunter leiden, eine Sortenfrage
Hier wird’s praxisrelevant. Peterswald hat in den beiden THC-Linien zwar mehr Bluete unter 14L gemessen, aber gleichzeitig eine signifikante Abnahme der THC-Konzentration. Die Trichome waren weniger dicht, die Blaetter laenger und schmaler: Die Reproduktionsphase hatte offenbar nicht ihren vollen Lauf genommen.
Cannatonic, die CBD-Linie, zeigte das genaue Gegenteil: CBD-Konzentration stieg unter langer Photoperiode, kombiniert mit dem hoeheren Yield ergab das +50 bis +100 % Total-CBD pro Pflanze. Ein Jackpot fuer CBD-Programme.
Bei den THC-Linien dagegen: hoehere Bluete-Masse, aber niedrigere THC%. Ob unterm Strich mehr THC pro Pflanze rauskommt, haengt davon ab, wie stark der Konzentrations-Verlust den Yield-Gewinn neutralisiert. Bei Northern Lights kam es im 14L<12L-Treatment (also Wechsel zurueck auf 12L) zu +50 % Yield ohne den THC-Knick.
Hier widerspricht die Ahrens-2024-Studie aber teilweise: bei 13 h (statt 14 h) waren THC-Konzentrationen unbeeinflusst oder sogar hoeher als unter 12 h. Total-THC pro Pflanze stieg um mindestens 38 %. Mit anderen Worten: 13 Stunden scheint eine Art „Sweet Spot“ zu sein, der den Yield-Vorteil mitnimmt, ohne die THC-Reife auszubremsen. 14 Stunden geht in einigen Sorten einen Schritt zu weit.
Take: Sortenspezifisch testen, in 0.5-Stunden-Schritten zwischen 12 und 14 h. Die Daten sprechen nicht fuer einen universellen Empfehlungswert, sondern dafuer, dass jede Sorte ihr eigenes Optimum hat.
Befund 3: Manche Sorten bluehen unter 14 h gar nicht zoegerlich
Ahrens et al. haben 2023 in einer breiteren Studie zehn Sorten gegen sechs Photoperioden zwischen 12 und 15 Stunden Licht getestet. Beobachtet wurde nur die fruehe Bluete-Phase (drei bis vier Wochen, also etwa ein Drittel der kommerziellen Reifezeit).
Das Bild ist heterogen, wie zu erwarten:
- Vier Sorten (BD, BT, IM, GJ) hatten ihr Optimum zwischen 12.4 und 12.7 Stunden, also nahe am 12-h-Standard, aber leicht laenger.
- Vier Sorten (GT, LL, GG, OG) zeigten gar keine Verzoegerung im Bluetenstart bis 14 Stunden Licht.
- Zwei Sorten (CC, PD) hatten lineare Verzoegerung, aber nur 1.3 bzw. 2.3 Tage bei 13 h.
- Drei Sorten initiierten Bluete sogar unter 15 h, aber das Bluetengewebe entwickelte sich nicht weiter, dort also kein praktischer Ertragsvorteil.
Die Quintessenz fuer die Praxis: Photoperioden zwischen 12 und 14 Stunden lohnen sich zu testen. Daruber hinaus wird’s instabil. Die Optima liegen offensichtlich zwischen 12.5 und 13 h fuer die fruehe Phase und koennen bis 14 h gehen, wenn man kommerzielle Reife abwartet.
Was die Studien noch nicht klaeren
Vier Punkte, die offen bleiben und vor einer Empfehlung „13 statt 12“ beachtet werden sollten:
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Reife-Drift bei 13 h. In der Ahrens-2024-Studie wurde die 13-Stunden-Gruppe geerntet, als die 12-Stunden-Gruppe reif war. Hinweise wie leicht erhoehte CBGA-Konzentrationen deuten an, dass die 13-h-Pflanzen vielleicht noch nicht ihren Reife-Peak erreicht hatten. Wer 13 h faehrt, sollte die Erntezeit nicht nach Tagen, sondern nach Reife-Indikatoren (Stigma-Browning, Trichom-Ambering) entscheiden.
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Wechselwirkung mit PPFD. Alle Studien haben mit moderaten PPFD-Werten gearbeitet (360-700 µmol m^-2 s^-1). Bei sehr hohen Werten (>900 µmol) sind die Effekte unklar. Plausibel: bei sehr hellem Licht koennte 12 h DLI bereits saettigen, wodurch zusaetzliche Stunden weniger bringen.
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Cultivar-Bibliothek. Insgesamt sind ueber die drei Studien rund 15 Sorten getestet worden. Das ist viel mehr als noch vor zwei Jahren, aber die Cannabis-Genetik-Bibliothek ist um Groessenordnungen breiter. Verallgemeinerung auf alle Sorten ist vorsichtig zu lesen.
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Energie-Bilanz. Mehr Stunden Licht = mehr Strom. Die Yield-Steigerung von 35 % bei 13 h muss gegen die ca. 8 % hoeheren Lichtkosten gerechnet werden. Bei aktuellen Strompreisen rechnet sich das fast immer, aber konkrete ROI-Daten zu Photoperioden-Wechsel fehlen noch.
Wenn du als Grower nur eine Sache mitnehmen willst
Probiere 13 statt 12 Stunden, an einer Charge, an einer Sorte. Das ist der billigste, schnellste, datentechnisch am besten abgesicherte Test, den du im Lichtbereich machen kannst. Hardware-Kosten: null. Operative Aenderung: Timer um eine Stunde verlaengern. In den Studien lag der Mehrertrag bei THC-Sorten in der Groessenordnung von 30 bis 50 %, bei stabiler oder sogar leicht hoeherer THC-Konzentration; ob deine Sorte mitzieht, zeigt erst der eigene Test.
Ist das ein universelles Heilmittel? Nein. Manche Sorten gewinnen wenig, manche verlieren bei laengerer Photoperiode an Potency, manche profitieren ueberdurchschnittlich. Aber das Risiko bei einem Testlauf ist minimal, und das Wissen, was deine Genetik braucht, bleibt dir erhalten.
Take-aways fuer die Praxis
- Default-Test: 13L:11D bei einer THC-Sorte; Yield messen, Reife visuell bestimmen, nicht per Tageszahl.
- Cultivar-Karte fuehren: Welche Sorte gewinnt bei welcher Photoperiode? Das ist ein Asset, das mit jeder Charge waechst.
- CBD-Sorten besonders pruefen: Cannatonic-aehnliche Linien koennen bei langer Photoperiode dramatisch profitieren (+50-100 % Total-CBD).
- Erntezeitpunkt entkoppeln: Wenn du Photoperioden veraenderst, anker die Ernte an Trichom-Ambering und Stigma-Browning, nicht an „Tag 60“.
- Was offen bleibt: Wechselwirkung mit hoher PPFD, Energiekosten ueber Zyklen, Verallgemeinerung auf grosse Genetics-Library.
Quellen
- Peterswald et al. (2023), Plants 12, 1061. doi:10.3390/plants12051061
- Ahrens, Llewellyn, Zheng (2023), Plants 12, 2605. doi:10.3390/plants12142605
- Ahrens, Llewellyn, Zheng (2024), Plants 13, 433. doi:10.3390/plants13030433
- Saloner & Bernstein (2020), Front. Plant Sci. 11, 572293. doi:10.3389/fpls.2020.572293
