Cannabis im Abwasser: Ist Erfurt wirklich auf Platz 3 in Europa?

In sozialen Netzwerken kursiert eine Rangliste zu Cannabis im Abwasser: Erfurt sei die drittstärkste Cannabis-Stadt Europas, vier deutsche Städte lägen unter den ersten sechs. Wir haben die Zahlen gegen die Rohdaten geprüft. Sie stimmen. Was die Messung aber hergibt und was nicht, geht in der Zuspitzung unter. Hier steht beides, damit du es Mitgliedern, Nachbarschaft oder Lokalpresse sauber erklären kannst.

Was die Rangliste behauptet und was stimmt

Grundlage ist die europäische Abwasserstudie der EU-Drogenagentur EUDA und des Forschungsnetzwerks SCORE, die jedes Jahr unter anderem Cannabis im Abwasser misst. Sortiert man die Cannabiswerte der europäischen Städte aus den Rohdaten von 2025, ergibt sich an der Spitze diese Reihenfolge (in mg THC-COOH pro 1.000 Einwohner und Tag): Genf 252,8, Amsterdam 194,1, Erfurt 178,5, Berlin 172,7, Hamburg 167,3, Nürnberg 159,0 (EUDA und SCORE, 2026b). Vier deutsche Städte unter den ersten sechs, Erfurt auf Platz 3: Das ist korrekt abgelesen. Ganz oben in den Rohdaten stehen allerdings Montreal, Seattle und Québec. Städte außerhalb Europas führt die EUDA nur als globalen Vergleich.

Drei Punkte gehen dabei unter.

Erstens gibt es kein offizielles Ranking. Die EUDA veröffentlicht Werte je Stadt und beschreibt Muster, etwa dass die höchsten Frachten in Städten in den Niederlanden, Deutschland und Slowenien gemessen wurden (EUDA und SCORE, 2026a). Die Platzierung entsteht erst, wenn jemand die Tabelle sortiert.

Zweitens kursiert für Erfurt auch der Wert 187. In den Rohdaten steht 178,51. Wer zitiert, sollte die CSV als Quelle nehmen, nicht einen Artikel über die CSV.

Drittens gehört Genf nicht zur europäischen Auswertung. Die EUDA zählt 2025 Städte in 25 Ländern, nämlich in der EU, in Norwegen und in der Türkei (EUDA und SCORE, 2026a). Die Schweiz steht mit zwölf Städten in den Rohdaten, Genf ist die höchste davon. Im Text der Studie tauchen Schweizer Städte nur im globalen Vergleich auf, neben Kanada und Chile. Innerhalb der europäischen Auswertung läge Erfurt auf Platz 2 hinter Amsterdam. Auch das zeigt, wie stark eine Platzierung davon abhängt, wer die Liste zusammenstellt.

Wie Cannabis im Abwasser gemessen wird

Die beteiligten Kläranlagen nehmen eine Woche lang täglich eine 24-Stunden-Mischprobe aus dem Zulauf, 2025 in den meisten Städten in einer Woche zwischen März und Mai. Die Labore bestimmen darin THC-COOH, das wichtigste Abbauprodukt von THC. Aus Konzentration, Durchfluss und angeschlossener Bevölkerung ergibt sich die Fracht pro 1.000 Einwohner und Tag. 2025 waren 115 Städte aus 25 Ländern beteiligt (EUDA und SCORE, 2026a), an deren Kläranlagen zusammen rund 72 Millionen Menschen angeschlossen sind (eigene Summe aus der Standorttabelle, EUDA und SCORE, 2026d).

Der Vorteil gegenüber Befragungen: Niemand muss ehrlich antworten. Alle Labore arbeiten nach einem gemeinsamen Protokoll mit Ringversuch. Deshalb sind die Werte zwischen den SCORE-Städten vergleichbar, und genau dafür ist die Studie gebaut.

Was die Zahl nicht sagt

Die EUDA schreibt selbst, dass die Methode keine Auskunft über Verbreitung und Häufigkeit des Konsums, über die Gruppen der Konsumierenden und über die Reinheit der Substanzen gibt (EUDA und SCORE, 2026a). Für Cannabis kommen vier Grenzen dazu.

Die Fracht ist keine Kopfzahl. Eine Stadt mit wenigen täglich Konsumierenden kann denselben Wert haben wie eine mit vielen Gelegenheitskonsumierenden. Höherer THC-Gehalt der Produkte hebt den Wert ebenfalls, ohne dass ein Mensch mehr konsumiert.

Der Ausscheidungsfaktor ist unsicher. Nur ein kleiner Anteil des aufgenommenen THC landet als THC-COOH im Urin, in der Literatur reichen die Annahmen von etwa 0,5 bis 2,5 %. Eine Umrechnung in Gramm Cannabis pro Kopf ist deshalb kaum belastbar. Die EUDA rechnet bewusst nicht um.

Ein großer Teil haftet an Feststoffen. THC-COOH ist fettlöslich. In einem Laborversuch mit Stuhlproben von neun Konsumierenden ging nur rund 40 % davon ins Wasser über, der Rest blieb an den Partikeln (Pandopulos et al., 2022). Filtration und pH-Einstellung gelten als die kritischsten Schritte im Labor (Causanilles et al., 2017). Innerhalb von SCORE ist das vereinheitlicht, zwischen verschiedenen Messprogrammen nicht.

Eine Woche ist eine Woche. Wetter, Feiertage, Veranstaltungen und Pendlerströme verschieben das Ergebnis. Die Einwohnerzahl einer Kläranlage deckt sich selten mit der Stadtgrenze: In Dresden hängen an der Anlage Kaditz rund 672.000 Menschen, ein Teil davon im Umland. Touristische Städte wie Amsterdam haben tagsüber deutlich mehr Menschen im Netz, als dort gemeldet sind.

Was die Daten dagegen recht gut zeigen, ist das Muster über die Woche. Die EUDA schreibt, dass sich Cannabis anders als Kokain oder MDMA recht gleichmäßig über die Woche verteilt (EUDA und SCORE, 2026a). In Dresden etwa liegen Werktag (119,9) und Wochenende (110,7) nah beieinander (EUDA und SCORE, 2026b). Dass das eher zu regelmäßigem Konsum passt als zu einem Wochenendphänomen, ist unsere Einordnung, nicht die der Studie.

Warum es keinen Vorjahresvergleich gibt

In den Änderungsdaten der EUDA tragen alle 13 deutschen Cannabiszeilen den Vermerk „no previous data“ (EUDA und SCORE, 2026c). In den Jahren 2022 bis 2024 haben deutsche Labore zwar Kokain, Amphetamin oder MDMA an SCORE gemeldet, aber keine Cannabiswerte. Die letzten deutschen Cannabiswerte in den EUDA-Daten stammen von 2013, aus Dortmund, Dresden und Dülmen. Zwölf Jahre, in denen sich Bevölkerungsschätzung, Probenahme und Labor geändert haben können, taugen nicht als Vergleichsbasis. Aus der europäischen Studie lässt sich deshalb nicht ablesen, ob sich seit dem Konsumcannabisgesetz etwas verändert hat. Eine deutsche Ausgangsmessung gibt es trotzdem, aus einem eigenen Projekt der TU Dresden. Darum geht es in einem eigenen Beitrag.

Was heißt das für deinen Club

Wenn das Ranking in deiner Stadt die Runde macht, kommen Fragen. Drei Sätze tragen in fast jedem Gespräch.

Die Zahl beschreibt die Menge, die eine ganze Stadt in einer Woche ausscheidet. Sie sagt nicht, wie viele Menschen konsumieren, und schon gar nicht, ob sie das in einem Club, im eigenen Garten oder am Schwarzmarkt tun.

Platzierungen sind selbst gebaut. Die Messung ist für Vergleiche zwischen Städten gemacht, aber eine Rangliste ohne die Grenzen daneben ist eine Schlagzeile, keine Auswertung.

Ein hoher Wert ist kein Beleg für das Scheitern des KCanG und ein niedriger keiner für seinen Erfolg. Dafür fehlt in der europäischen Studie für Deutschland schlicht die Zeitreihe.

Für Präventionsgespräche im Club ist die Studie trotzdem nützlich. Sie zeigt, dass Cannabis in deutschen Großstädten ein Alltagsthema ist und kein Randphänomen, und sie eignet sich gut, um Mitgliedern zu erklären, warum Forschung mit Daten über Abwasser arbeitet und nicht über einzelne Personen. In Sachsen und Thüringen gehört Crystal in diese Gespräche, siehe Cannabis und Crystal im Abwasser: Was Chemnitz, Dresden und Erfurt zeigen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Werte der kursierenden Rangliste stimmen mit den Rohdaten von EUDA und SCORE überein, wenn man nur die europäischen Städte sortiert. Ein offizielles Ranking veröffentlicht die EUDA nicht.
  • Für Erfurt steht in den Rohdaten 178,51, nicht 187.
  • Abwasser misst die Gesamtmenge eines Abbauprodukts, keine Zahl von Menschen, keine Häufigkeit und keine Potenz.
  • Ausscheidungsfaktor, Bindung an Feststoffe und die einzelne Messwoche machen Umrechnungen in Gramm unzuverlässig.
  • Für Deutschland gibt es in der europäischen Studie keine Vorjahreswerte. Aussagen zum KCanG lassen sich daraus nicht ableiten.

Quellen

  • Causanilles, A., et al. (2017). Improving wastewater-based epidemiology to estimate cannabis use: focus on the initial aspects of the analytical procedure. Analytica Chimica Acta. https://doi.org/10.1016/j.aca.2017.08.011
  • EUDA und SCORE (2026a). Wastewater analysis and drugs: a European multi-city study. Aktualisiert am 18.03.2026. https://www.euda.europa.eu/publications/pods/waste-water-analysis_en
  • EUDA und SCORE (2026b). Rohdaten der Abwasserstudie 2025 (ww2026-all-data). https://www.euda.europa.eu/sites/default/files/data/data-nodes/33337/versions/5/ww2026-all-data_en.csv
  • EUDA und SCORE (2026c). Veränderungen gegenüber dem Vorjahr (ww2026-changes-all-substance). https://www.euda.europa.eu/sites/default/files/data/data-nodes/33337/versions/5/ww2026-changes-all-substance_en.csv
  • EUDA und SCORE (2026d). Datenpaket der Abwasserstudie 2025, Standorttabelle mit angeschlossener Bevölkerung (ww2026-site-info-table). https://www.euda.europa.eu/data/repository/drugs-municipal-wastewater-europe-source-data-2026_en
  • Pandopulos, A. J., et al. (2022). Partitioning of phytocannabinoids between faeces and water: implications for wastewater-based epidemiology. Science of the Total Environment, 805. https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2021.150269

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