In der europäischen Abwasserstudie 2025 hat Chemnitz den niedrigsten Cannabiswert aller deutschen Städte und zugleich den höchsten Wert für Methamphetamin, in Sachsen besser bekannt als Crystal. Die naheliegende Deutung lautet: Wer zu Crystal greift, lässt Cannabis liegen, oder umgekehrt. Wir haben nachgesehen, ob die Daten das tragen. Sie tun es nicht.
Die Werte aus Chemnitz, Dresden und Erfurt
In der Messwoche im Frühjahr 2025 kamen drei ostdeutsche Städte bei Crystal Meth im Abwasser auf die höchsten Werte in Deutschland (in mg pro 1.000 Einwohner und Tag): Chemnitz 381,6, Erfurt 371,2 und Dresden 327,2 (EUDA und SCORE, 2026b). Das ist kein einmaliger Ausreißer. Schon 2023 lagen dieselben drei Städte vorn, mit 346,3 für Chemnitz, 334,4 für Erfurt und 316,8 für Dresden (EUDA und SCORE, 2024).
Bei Cannabis sieht die Reihenfolge anders aus. Erfurt liegt mit 178,5 an der Spitze der deutschen Städte, Dresden mit 114,6 im unteren Mittelfeld und Chemnitz mit 74,9 ganz unten (EUDA und SCORE, 2026b).
Die EUDA beschreibt Methamphetamin in Europa als Substanz, deren Konsum historisch vor allem in Tschechien und der Slowakei konzentriert war (EUDA und SCORE, 2026a). Chemnitz und Dresden liegen nah an der tschechischen Grenze. Eine Ursachenerklärung liefert die Studie dafür nicht, die Nähe ist hier nur als Einordnung genannt.
Warum man die Zahlen nicht gegeneinander rechnen darf
381 gegen 75 sieht nach einem klaren Verhältnis aus. Das ist es nicht. Bei Methamphetamin misst das Labor den Wirkstoff selbst. Bei Cannabis ist es ein Abbauprodukt, von dem nur ein kleiner Anteil im Urin landet und das zu einem guten Teil an Feststoffen im Abwasser haftet. Dazu kommen ganz unterschiedliche Dosierungen der beiden Substanzen.
Milligramm Methamphetamin und Milligramm THC-COOH lassen sich deshalb nicht vergleichen. Vergleichbar ist nur die Position einer Stadt innerhalb derselben Substanz. Wer schreibt, in Chemnitz werde „fünfmal mehr Crystal als Cannabis“ konsumiert, rechnet mit Zahlen, die dafür nicht gemacht sind. Was die Abwasseranalyse misst und wo ihre Grenzen liegen, erklärt unser Faktencheck Cannabis im Abwasser: Ist Erfurt wirklich auf Platz 3 in Europa?.
Was die Daten über einen Zusammenhang sagen
Die Ersatzthese lässt sich an einer anderen Stelle prüfen. Die TU Dresden hat im Winter 2023/24 an 24 deutschen Kläranlagen Cannabis und weitere Substanzen parallel gemessen und die Werte miteinander korreliert (TU Dresden, 2025).
Das Ergebnis: Zwischen THC-COOH und Methamphetamin fand sich keine Korrelation (r = minus 0,064 im Abschlussbericht, im Kurzbericht r = minus 0,07 bei p = 0,28). Ein Muster nach dem Schema „wo mehr Crystal, da weniger Cannabis“ zeigt sich also nicht. Am stärksten hing THC-COOH mit Cotinin zusammen, einem Abbauprodukt von Nikotin (r = 0,671 im Abschlussbericht). Die Forschenden erklären das damit, dass Cannabis häufig mit Tabak gemischt geraucht wird und dass Situationen, in denen geraucht wird, auch den Cannabiskonsum begünstigen können.
Auch Erfurt passt nicht zu einem einfachen Entweder-oder: Die Stadt liegt bei beiden Substanzen weit vorn.
Zur Einordnung: Eine Korrelation über Kläranlagen hinweg sagt nichts darüber, was einzelne Menschen tun. Ob jemand in einer Lebensphase von einer Substanz zur anderen wechselt, lässt sich mit Abwasser nicht klären. Die Ersatzthese ist mit diesen Daten weder belegt noch widerlegt. Sie hat aber keine Stütze.
Was das für die Debatte heißt
Der Vergleich verführt zu zwei falschen Schlüssen. Der erste: Cannabis sei harmlos, weil Crystal gefährlicher sei. Auch Cannabis hat ein Abhängigkeitspotenzial (zu den psychischen Risiken siehe Cannabis und Psychose: Was die Zahlen wirklich hergeben). Im Epidemiologischen Suchtsurvey 2024 erfüllten 1,0 % der 18- bis 64-Jährigen die Kriterien einer Abhängigkeit und weitere 0,5 % die eines Missbrauchs (Olderbak et al., 2025). Der zweite: Mehr Cannabis könnte gegen Crystal helfen. Dafür gibt es in diesen Daten keinerlei Hinweis.
Für Sachsen und Thüringen bleibt Methamphetamin ein eigenes Problem mit eigener Dynamik. Prävention muss beide Substanzen getrennt ernst nehmen.
Was heißt das für deinen Club
Jede Anbauvereinigung muss eine Person für Prävention benennen (zu den Pflichten im Überblick siehe CSC-Regeln 2026: Was das Gera-Urteil für Anbauvereinigungen bedeutet). In Sachsen und Thüringen gehört Methamphetamin in diese Arbeit, auch wenn der Club nur mit Cannabis zu tun hat. Mitglieder kennen Menschen, die Crystal nehmen, oder haben selbst Kontakt damit. Wer Präventionsgespräche führt, sollte die regionalen Hilfsangebote für Stimulanzien kennen und weitergeben können.
Und wenn in der Debatte vor Ort jemand das Abwasser als Argument nutzt, gilt dasselbe wie bei jedem Ranking: Die Messung zeigt Mengen in einer Woche, keine Ersatzbeziehungen und keine Unbedenklichkeit.
Das Wichtigste in Kürze
- Chemnitz, Erfurt und Dresden haben 2025 die höchsten Methamphetamin-Werte der deutschen Städte, wie schon 2023.
- Bei Cannabis liegt Chemnitz am unteren Ende, Erfurt an der Spitze.
- Milligramm-Werte verschiedener Substanzen sind nicht vergleichbar, nur die Position innerhalb einer Substanz.
- Die TU Dresden fand keine Korrelation zwischen Cannabis und Methamphetamin, wohl aber eine starke mit Nikotin.
- Eine Ersatzthese folgt aus den Daten nicht. Cannabis ist dadurch weder harmloser noch ein Mittel gegen Crystal.
Quellen
- EUDA und SCORE (2024). Rohdaten der Abwasserstudie 2023 (ww-data-long-2024). https://www.euda.europa.eu/sites/default/files/data/2024/ww2024/ww-data-long-2024-03-20.csv
- EUDA und SCORE (2026a). Wastewater analysis and drugs: a European multi-city study. Aktualisiert am 18.03.2026. https://www.euda.europa.eu/publications/pods/waste-water-analysis_en
- EUDA und SCORE (2026b). Rohdaten der Abwasserstudie 2025 (ww2026-all-data). https://www.euda.europa.eu/sites/default/files/data/data-nodes/33337/versions/5/ww2026-all-data_en.csv
- Olderbak, S., Hollweck, R., Krowartz, E. M., et al. (2025). Psychoactive substance use in Germany: findings from the Epidemiological Survey of Substance Abuse (ESA) in 2024. Deutsches Ärzteblatt International, 122, 625 bis 631. https://di.aerzteblatt.de/int/archive/article?id=246641
- TU Dresden (2025). Abwasserbasiertes Begleitmonitoring im Rahmen der Einführung des Cannabisgesetzes in Deutschland (AMoCan), Abschlussbericht, 11.01.2025, Tabelle 5. https://bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Drogen_und_Sucht/Abschlussbericht/AMoCan_Abschlussbericht.pdf
- TU Dresden (2024). Kurzbericht zum BMG-geförderten Forschungsvorhaben AMoCan, Stand Juni 2024. https://bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Drogen_und_Sucht/Kurzbericht/Kurzbericht_AMoCan.pdf
